Single mann mit 30

Im Gegenteil. Was ich mir wirklich wieder wünschte, war dieses geborgene Gefühl von Familie und Zuhause. Was den Beziehungsmarkt anging, war ich auf eigentlich alles gefasst. Aber ich war nicht darauf gefasst, wie dieser Datingmarkt mit Ende 30 funktioniert. In meiner Erinnerung war es immer meine Aufgabe gewesen, Frauen anzusprechen, nach Telefonnummern zu fragen, mir eine romantische, aber auch nicht zu schummrige Bar auszusuchen und zu hoffen.

Jetzt aber war es andersherum: Ein alleinstehender Mann mit Kind war offenbar die perfekte Kombination aus Verfügbarkeit und nachgewiesener Vaterkompetenz. Frauen steckten mir ungefragt ihre Telefonnummern zu. Frauen schrieben mir, mehr als eindeutig.

Frauen fragten mich bald, ob ich mir denn wieder eine Familie wünsche. Ich muss dazu sagen: Ich bin nicht besonders gut aussehend und könnte sportlicher sein, wahrscheinlich auch charmanter. Plötzlich aber, mit Ende 30 und Kind, war ich so attraktiv wie noch nie in meinem Leben. Nicht so sehr sexuell. Aber weil für mich das Wort "Familie" so gar kein Abschreckungspotenzial hatte, war ich auf dem Beziehungsmarkt plötzlich ein begehrtes Gut.

Was ich selbst wollte, war mir dabei gar nicht so klar.

Nur weil niemand neben dir einschlafen will, bedeutet das nicht, dass du keinen Spaß haben darfst.

Ja, eine Familie, das schon. Aber mir schwirrte der Kopf: Wann wäre eine Beziehung für mich und meine Tochter richtig? Und an welchem Punkt, fragte ich mich, erzählt man bei einem Date denn, dass man ein Kind hat? Ganz am Anfang, wenn man sich vorstellt: Hallo, ich bin Sebastian, und ich habe eine Tochter? Oder bringt man das Kind nur so en passant im Gespräch auf — um dann zu betonen, dass man ja trotzdem Single sei? Oder würde man am Morgen nach der ersten gemeinsamen Nacht die Information nachreichen: Übrigens, ich muss dir was sagen? Ich beobachtete meine Freunde genauer.

Zum Beispiel Georg, den schüchternen Fotografen, der sich immer stürmisch in fantastisch aussehende Frauen verliebte — und immer wieder ernüchtert erzählte, es habe doch nicht gepasst. Die Frauen, er selbst, alle so kompliziert, mit so vielen Macken, Erwartungen und so viel Traurigkeit von den letzten Versuchen in sich. Und so kam ich mir schon nach wenigen Wochen auf dem "Markt" tatsächlich vor wie bei einer Reise nach Jerusalem, nur mit Betten statt Stühlen.

Wo früher Romantik war, ist mit fortschreitendem Alter offenbar beherzte Pragmatik eingezogen. Die Ansprüche waren offenbar gesunken. Lieber irgendjemand als niemand. So mussten sich die allerletzten Bücher, Parfüms und Gutscheine am Vormittag des Dezember fühlen. Nicht wirklich gewollt, nicht wirklich geliebt.

Aber für die Umstände, die verbliebene Auswahl und vor allem den Zeitpunkt: Wie ich. Je länger ich mir die Frauen in meinem Alter, ihr seltsam wahlloses Baggern und ihre unromantische Entschiedenheit anschaute, desto mehr wunderte ich mich auch über die Männer. Denn während die Frauen kompromissbereit und leidensfähig waren, degenerierten viele gleichaltrige Männer zu, nun ja, sexsüchtigen Teenagern, denen offenbar schon die Aussicht auf ein gemeinsames Frühstück zu viel Verbindlichkeit zu sein schien.

Als Raffael bei einem Bier erzählte, wie viele Frauen er in den letzten Wochen und Monaten kennengelernt hatte und mit wie vielen er einfach nur deshalb geschlafen hatte, weil es so wenig Aufwand bedeutete, wusste ich nicht, ob ich das noch entspannt und lebensfroh fand — oder schon leicht obszön.

Denn für Raffael war offenbar ziemlich klar, dass Familie, ein gemeinsames Zuhause und Kinder für ihn so wenig interessant waren wie ein Reihenhaus in einem Vorort. Die Frauen aber waren, nach allem, was Raffael erzählte, gar nicht so lässig und lebensfroh mit ihren Küssen und ihrer Sexualität. Sie versuchten eher, mit der Anzahl der Versuche die Erfolgsaussichten zu verbessern. Sie gingen mit meinen Freunden ins Bett, um keine Zeit zu vergeuden.

Dass für Frauen — grässliche Phrase — "die biologische Uhr tickt", ist bekannt. Dass sich der Beziehungsmarkt, der tatsächlich nach den unfassbar kaltherzigen Prinzipien von Angebot und Nachfrage funktioniert, für Männer komplett anders darstellt, wird dabei oft übersehen. Während sich nämlich die Frauen zwischen Mitte 30 und Mitte 40 in einem grauenvollen Wettlauf um potenzielle Väter befinden, stolpern gleichaltrige Männer in eine Art Schlaraffenland der Partnerinnen.

Sie können und dürfen wählerisch sein. Und sie sind es. Die Unverbindlichkeit, die viele Frauen beklagen, sie ist letztlich eine Frage von Biologie und Macht. Und die Männer Ende 30 spielen ihren Vorteil gnadenlos aus. Ich kenne Männer, die Beziehungen wegen charakterlicher und körperlicher Bagatellen beendet haben. Einfach weil sie es können. Es ist die Arroganz der biologischen Macht. Mit etwa Mitte 30 wird nämlich der Punkt überschritten, an dem 15 Jahre jüngere Frauen als Partnerinnen infrage kommen. Rechnet man also etwas wohlwollend mit ein, dass viele Männer sich auch eine maximal fünf Jahre ältere Partnerin vorstellen könnten, umfassen die Geburtsjahrgänge, die zur Auswahl stehen, plötzlich 20 Jahre.

Das dürfte Peak-Partnerwahl für Männer sein. Dabei ist es ja so einfach, sie kaputt zu machen! Ein bisschen neoliberales Optimierungsdenken, und der Zauber ist weg.

Single, Mann, dreißig – Typologie einer Spezies

Single-Frauen, die schon Kinder haben, haben immerhin den Vorteil, dass die biologische Uhr nicht mehr tickt, oder wenigstens nicht so laut. Bei einer anderen zerstört der Streit um die Zeit mit dem Kind jede Freiheit, und bei der dritten ist gar kein Vater da, der sich kümmert.

Kindergeschrei statt romantischer Flirterei. Als ich mich auf die Idee einlasse, dass wir ein Paar sind, ganz verbindlich, und ihm die Schlüssel in die Hand drücke, lässt er sich doch Zeit mit dem Einzug, er wird immer kühler, distanzierter. Aber da fehlt die Wärme, das Gefühl von Nähe. Ich sage erst mal nichts, aber ich frage mich schon: Stelle ich mich an?

Ist er chronisch gefühlskalt? Hat er eine andere? Vielleicht spürt er, dass ich nichts Halbes will. Und das ist ihm dann doch zu viel. Zwei Wochen später sitzen wir auf dem Sofa.

Wir müssen reden. Ich fühle mich überfordert.

Warum Single sein mit 30 schöner ist als mit 20 › bietatogeva.tk

Mir geht das alles zu schnell. Er will eigentlich gar keine Nähe. Keine Familie. Zumindest nicht mit mir. Steffen passt perfekt in die Geschichten aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis.